Dienstag, 21. August 2007

Mit einem Lächeln auf den Lippen lässt es sich einfach besser reiten


Mit Selbstüberlistung zum Easy-Going

Wir wissen es alle: Das Pferd ist nie Schuld! Es liegt immer am "Piloten" wenn es nicht so läuft, wie der Reiter es wünscht. Es ist also grundsätzlich unsinnig, sich über das Pferd zu ärgern. Die Fehler, die es macht, sind nichts als die logische Konsequenz aus fehlerhafter-, oder nicht eindeutiger Hilfengebung. Soweit die Theorie - aber mal Hand aufs Herz, liebe Pferdefreunde - wer hat sich nicht trotz dieses Wissens schon einmal über sein Pferd geärgert? Wer kann sich wirklich davon freisprechen, nicht schon mindestens einmal einen dieser bösen Gedanken gehabt zu haben?

Wer hat nicht schon einmal genervt die Augen verdreht, wenn der geliebte Vierbeiner deutlich zu erkennen gab, dass ihn die auf der Weide grasenden Kollegen wesentlich mehr interessieren, als Traversalverschiebungen und fliegende Wechsel? Oder wenn die auf der Wiese herumtollenden Pferde es mal wieder wesentlich leichter hatten, die volle Aufmerksamkeit des Pferdes zu erlangen, als der sich mühende Reiter obendrauf? Kaum ein Reiter wird behaupten können, sich in solchen Situationen nicht schon einmal über das Pferd geärgert zu haben. Das ist wohl nur menschlich. Und doch wissen wir alle: Mit einem Lächeln im Gesicht, reitet es sich gleich viel lockerer. Wenn wir uns ärgern, bauen wir eine negative Sapnnung auf. Wir stehen uns selbst im Weg, weil wir uns mehr auf den Ärger, als auf unsere Hilfengebung konzentrieren. Klingt alles einleuchtend, aber wie schafft man es nun, in solchen Situationen das Lächeln zu behalten und einfach ganz souverän und locker weiter zu reiten? Einen kleinen, aber sehr wirksamen Trick habe ich vor einiger Zeit - eher zufällig - aus einer ganz typischen Situation entwickelt:

Ich gab dem 13-jährigen Sohn einer Freundin Unterricht. Mit 13 sind die Kids von heute längst aus dem Alter raus, in dem sie Anweisungen einfach so hinnehmen, mit 13 wird auch gerne schon mal diskutiert. Es war einer dieser Tage, an denen mein kleiner Reitschüler in Diskutierlaune war, und seine Stute sich für alles zu interessieren schien, außer für die reiterlichen Hilfen. Ich weiß - es ist schwierig. Wer einmal auf einem Pferd gesessen hat, der weiß, dass es weitaus mehr ist, als sich spazierentragen zu lassen. Auch wenn man theoretisch weiß was zu tun ist - es in der Praxis umzusetzen ist längst nicht so einfach, wie es oft aussieht. Unglaublich viele Musklen müssen gleichzeitig benutzt, und doch voneinander unabhängig koordiniert werden. Und als wäre dies nicht schon schwer genug, sollen die Hilfen dann auch noch möglichst fein und exakt dosiert werden. Selbst wenn man die eigenen Schwächen und Fehler genau kennt, und immer wieder darauf hingewiesen wird - es ist nicht gerade leicht, sie einfach abzustellen. Tja, und dann macht auch noch das Pferd scheinbar was es will. Gründe genug, fand mein kleiner Reitschüler, an diesem Tag mächtig sauer zu werden. Hier ein paar Auszüge aus der Reitstunde:

Ich: "Stell sie mehr ein!"

Er, (quengeliger Unterton, genervter Gesichtsausdruck): "Die lässt sich aber nicht stellen!"

Ich erkläre zum 1077. Mal wie er sie stellen soll, und für einen kurzen Moment klappt es auch. Dann vergisst er leider wieder weiter zu reiten: "Reit sie mehr vorwärts, das ist kein Arbeitstrab!"

Er hat die Beine nicht dran, hält keinerlei Körperspannung, hampelt mit Armen und Beinen, faucht genervt: "Die geht aber nicht vorwärts!"

Ich korrigiere seinen Sitz, der sich daraufhin für satte 10 Sekunden bessert. "Bei B eine Volte."

Er, mal wieder unkonzentriert, verpennt seinen Einsatz. Wendet erst eine gute Pferdelänge hinter B ab, reitet eine seltsame, Osterei-ähnliche Figur. Quengelt dabei lautstark: "Ach menno, die macht überhaupt nix heute!"

Geduldig erkläre ich ihm zum x-ten Male, dass es an seiner mangelnden Konzentration lag, und er nicht immer dem Pferd die Schuld geben soll. Die nächste Volte wird zwar etwas runder, doch leider fällt die Stute mittendrin aus, weil ich beim besten Willen nicht so schnell korrigieren kann, wie er heute Fehler macht.

Das Angaloppieren geht ebenso daneben wie das Schulterherein, einfach nichts scheint gelingen zu wollen an diesem Tag. Nein, ich verlange nichts von ihm, womit Pferd oder Reiter überfordert wären. Es sind alles Dinge, die beide eigentlich ganz locker beherrschen. Vorausgesetzt, der junge Mann da oben drauf konzentriert sich, hört zu und setzt das um, was ich ihm sage.

Aber dazu ist er heute zu beschäftigt. Stattdessen quengelt er unaufhörlich, schiebt mit weinerlicher Stimme die Schuld aufs Pferd: "Die macht aber nicht, die tut aber nicht, die will aber nicht, die geht aber nicht!" Klar - bei so viel Jammerei bleibt natürlich keine Zeit, sich auch noch auf eine korrekte Hilfengebung zu konzentrieren! Und nicht nur das - der Junge Mann ist auch überhaupt nicht mehr aufnahmefähig für das, was ich ihm erklären will. Er steigert sich so sehr in die "ich-armes-Kind-das-Pferd-ist gemein-zu-mir-Rolle" hinein, dass ich schließlich energisch eingreifen muss:

"Jetzt ist aber mal Schluss mit dem Gejammer!" rufe ich ihn zur Ordnung. "Jetzt stell dir mal bitte vor was hier los wäre, wenn deine Stute sprechen könnte!"

Mein Reitschüler sieht mich verdutzt an, scheint aber nicht zu verstehen, worauf ich hinaus will. Ich helfe nach: Indem ich seinen quengeligen Ton exakt imitiere, verusche ich zu erraten, was die Stute wohl zu jammern hätte:

"Ach menno, der gibt aber nicht die richtigen Hilfen! Der sitzt überhaupt nicht richtig! Der hat aber heute eine unruhige Hand! Wie soll ich denn wissen, was der will, wenn der so rumhampelt? Und warum soll ich mich überhaupt konzentrieren, wenn der sich nicht konzentriert?"

Einen Moment lang herrscht eisige Stille in der Halle. Ich habe das Gefühl, die kleinen Zahnräder im Kopf meines Reitschülers rattern zu sehen. Und plötzlich muss er lachen.

Wir legen eine kurze Schrittpause ein, in der ich ihm nochmals in aller Ruhe erkläre, dass sein Pferd nichts, aber auch wirklich gar nichts tut, um ihn zu ärgern. Kein Pferd handelt in der Absicht seinen Reiter zu ärgern, auch wenn viele dies manchmal glauben. Ich erkläre ihm auch, dass eine undeutliche Hilfengebung in etwa die gleiche Auswirkung hat, als würde ich ihn anweisen: "Mach mal Dings da!", und dann sauer werden, wenn er nicht versteht was ich damit meine. Das leuchtet ihm ein. Er ist jetzt entspannt, und somit auch aufnahmefähig für meine Erklärungen. Nach einigen Runden lasse ich ihn die Zügel wieder aufnehmen, und siehe da - plötzlich klappt alles. Er ist konzentriert bei der Sache, und seine Stute ganz locker und ebenso konzentriert an den Hilfen. Plötzlich läuft es wie am Schnürchen. Nur eine Lektion geht fast daneben. Aber anstatt zu meckern, grinst mein Reitschüler plötzlich breit, und korrigiert sich selbst, noch bevor ich etwas sagen kann. Die Lektion reitet er dann ganz sauber, geradezu vorbildlich aus.

"Warum grinst du denn jetzt so?", will ich wissen.

"Weil ich gerade wieder meckern wollte", lächelt er," aber genau in dem Moment habe ich mir vorgestellt, was meine Stute wohl in diesem Moment zu jammern hätte. Im Geiste konnte ich sie regelrecht hören." Er fängt wieder an zu kichern und es dauert eine Weile, bis er sich wieder gesammelt hat. "Dann hab ich mich einfach darauf konzentriert, ihr keinen Grund zum Meckern zu geben, und es hat sofort geklappt!", berichtet er, offensichtlich überrascht von der schnellen Wirkung dieser Selbstüberlistung. Der Rest der Stunde war ein Kinderspiel ...

Inzwischen ist dieser Trick, der mir so spontan einfiel, vielfach erprobt und hat sich bestens bewährt! Die deutliche Vorstellung des jammernden und meckernden Pferdes zaubert dem Reiter unweigerlich ein Lächeln ins Gesicht, löst negativen Spannungen und macht den Kopf frei für konzentrierte Hilfengebung. Probiert es doch mal aus!