Donnerstag, 17. April 2008

Pferde richtig anweiden - Gefahren und Tipps für einen guten Start in die Weidesaison

Für die ganz glücklichen unter den Pferden, die ganzjährigen Weidegang genießen, stellt sich die Frage des Anweidens nicht. Sie gewöhnen sich so langsam an das wachsende Nahrungsangebot und den im Frühjahr ansteigenden Eiweißgehalt im Gras, wie das Gras selbst wächst. Doch in vielen Reitställen ist es mangels ausreichender Weideflächen die gängige Praxis die Weiden über die Wintermonate (meist von Oktober bis Mai) zu sperren, damit sich die Weisen erholen können. Verständlich, dass die Pferde dann nach dem langen Winter und der öden Zeit in der Box und auf dem Paddock gierig auf jeden Grashalm sind. Dass zuviel frisches Gras für Pferde sehr schädlich sein kann, interessiert die Vierbeiner in dem Moment nicht.

Warum ist zuviel frisches Gras schädlich und was kann passieren?

Zum einen benötigt das Pferd zum Verdauen des frischen Grüns spezielle Darmbakterien - diese sind bei alleiniger Fütterung von Heu, Stroh und Kraftfutter im Winter nur in geringen Maßen vorhanden. Daher sollte die Futterumstellung langsam vor sich gehen, so dass diese Bakterien sich wieder vermehren können. Erfolgt die Futterumstellung zu plötzlich, kommt es oft zu schweren Koliken. Das ist eine Sache.

Eine weitere Gefahr besteht in dem sehr hohen Eiweißgehalt, den das Gras besonders im Frühjahr ausweist. So kommt es bei unvorsichtigem Anweiden schnell zu einem Eiweißüberschuss, der den Stoffwechsel des Pferdes, insbesondere die Leber und Nieren des Pferdes stark belastet. Ein Anzeichen für ein Zuviel an Einweiß können angeschwollene (angelaufene) Beine - bevorzugt an den Hinterbeinen von Huf bis zum Fesselkopf oder höher - sein. Spätestens wenn sich dieses Symptome zeigen, sollte man vorsichtiger werden. Besser ist es natürlich, solche Symptome schon durch entsprechende Vorsicht beim Anweiden zu vermeiden. Neben dem hohen Eiweißgehalt, weist das Gras im Frühling und Frühsommer zugleich einen sehr hohen Gehalt an leichtlöslichen Kohlehydraten wie Stärke, Zucker & Fruktane auf.

Bei einer zu plötzlichen Umstellung können die großen Mengen dieser Nährstoffe nicht vollständig im Verdauungstrakt abgebaut werden. Zumindest nicht dort, wo sie von der Darmwand eigentlich aufgenommen werden sollten: Nämlich im vorderen Dünndarm. Statt dessen werden sie in den Dickdarm weiter befördert und stören dort das empfindliche Gleichgewicht der Bakterien. Durch die erhöhte Zufuhr von Zucker und Stärke vermehren sich die Laktobazillen im Darm explosionsartig und übersäuern den Darminhalt, was wiederum ein massenhaftes Absterben der nützlichen Darmbakterien zur Folge hat. Die abgetöteten Bakterien setzen dann Giftstoffe, sogenannte Endotoxine frei, die vom Blut aufgenommen werden und winzige Blutgerinnsel bilden. Diese winzigen Blutgerinnsel verstopfen die feinen Kapillargefäße der Huflederhaut, und es kommt zu Huflederhautentzündungen, oder gar zu einem akuten Hufrehe-Schub. Auch die Entsehung des Bockhufs wird durch den plötzlichen Überschuss an Nährstoffen begünstigt.

Wie weidet man Pferde richtig an?

Es empfiehlt sich, das Pferd anfangs nur wenige Minuten an der Hand grasen zu lassen. Je vorsichtiger, desto besser - 10 Minuten reichen für die ersten Tage aus. Dann gilt es die Zeit langsam zu steigern, wobei Kontinuität sehr wichtig ist. Das heißt: Das kontrollierte Grasen an der Hand sollte möglichst wirklich täglich erfolgen und sehr langsam aber stetig aufgebaut werden. Die Fresszeit an der Hand wird so ganz allmählich erhöht. Ideal für die nächste Stufe ist es, wenn man die Möglichkeit hat, das Pferd auf eine kleine Weide, oder zum Beispiel einem Treibgang vor den Weiden (sofern ein sicher eingezäunter Treibgang vorhanden ist) frei grasen zu lassen. Eine kleinere Fläche erleichtert das "Einfangen", denn die Pferde trennen sich nur ungern wieder vom frischen Gras. Um das Einfangen nach Ablauf der Zeit zu erleichtern, empfiehlt es sich auch das Halfter drauf zu lassen. Allerdings muss man bei einer sehr kleinen Weidefläche oder einem Treibgang darauf achten, dass man nicht mehrere Pferde auf einem kleinen Stück zusammen stellt - sonst kommt es schnell zu Streiterein. Entweder (unter Aufsicht) allein, oder mit einem Artgenossen, den das Pferd gut kennt und von dem man weiß, dass sie sich auch auf engem Raum gut vertragen.

Erst wenn man sicher ist, das Pferd jederzeit wieder einfangen zu können, und das Pferd ca. an eine Stunde grasen gewöhnt ist, sollte man den Schritt auf eine größere Weide wagen und dann dort die Weidezeit ganz allmählich in Schritten von 30-60 Minuten weiter steigern.

Verletzungsgefahr am ersten Weidetag

Sieht das Pferd nun zum ersten mal die große, weite saftige Wiese vor sich, kommt schnell Übermut auf. Da wird freudig gebockt und getobt, und nicht selten endet der erste Weidegang mit einer Verletzung und einem Tierarztbesuch. Bewährt hat sich daher das Pferd nach dem Reiten / Fahren / Longieren auf die Wiese zu bringen. Erstens sind Bänder, Sehnen und Gelenke dann schon aufgewärmt, und zweitens fällt das Toben dann meist nicht mehr ganz so wild aus.


Pferd & Pferdefreunde wünscht eine glückliche & gesunde Weidesaison 2008!

Fotos (c) Andrea & Stefan / Flickr

Nachtrag: > Informationen darüber, was bei der Fütterung von geschnittenem Gras zu beachten ist, findet ihr hier.